Frisst die Digitalisierung unseren Kindern die Jobs weg?
Vielleicht. Wenn wir ihnen weiterhin beibringen, wie man die Jobs von gestern erledigt.
Ein Impuls aus der Diskussion am BrightPlaces Suisse Innovation Circle «Zeitenwende» in Chur. Zwischen Digitalisierung, künstlicher Intelligenz und Standortentwicklung wurde eines deutlich: Die Zukunft gehört nicht den Orten mit der schnellsten Technologie. Sondern den Gemeinschaften, die Menschen befähigen, sie sinnvoll einzusetzen.
Wer bringt unseren Kindern das Arbeiten bei, wenn die Maschinen ihre Arbeit übernehmen?
Künstliche Intelligenz nimmt uns Routine ab. Das ist ihr Versprechen. Vielleicht nimmt sie jungen Menschen damit aber auch jene ersten Aufgaben, an denen aus Wissen Erfahrung wird.
Als ich vor rund dreissig Jahren in die Werbung einstieg, konnte ich noch nicht besonders viel. Das war kein Makel. Es war der Sinn der Sache.
Mein Weg führte über die Berufsmittelschule zu Menschen, die man heute wohl die letzten Mad Men nennen würde. Sie zeigten mir, wie man eine Anzeige schreibt, eine Kampagne entwickelt und einen Kunden von einer Idee überzeugt. Vor allem aber zeigten sie mir, wie Arbeit funktioniert.
Wie man zuhört, obwohl man bereits eine Antwort im Kopf hat. Wie man einen Gedanken verwirft, an dem man den ganzen Tag gearbeitet hat. Wie man eine schlechte Präsentation überlebt. Und wie man den Bogen spannt zwischen dem, was ein Unternehmen sagen möchte, und dem, was Menschen tatsächlich interessiert.
Ich lernte nicht nur durch Aufgaben. Ich lernte durch Nähe. Erfahrene Menschen korrigierten mich, widersprachen mir und schickten mich zurück an den Schreibtisch. Manchmal liessen sie mich auch gegen die Wand laufen. Heute würde man einiges davon vermutlich als ineffizient bezeichnen.
Damals nannten wir es Ausbildung.
Die Maschine beginnt dort, wo früher der Mensch begann
Künstliche Intelligenz übernimmt heute ausgerechnet jene Arbeiten, mit denen junge Menschen bisher in einen Beruf hineingewachsen sind.
Recherchieren. Zusammenfassen. Übersetzen. Daten ordnen. Varianten entwickeln. Präsentationen vorbereiten. Einen ersten Text schreiben.
Das waren einmal Einstiegsarbeiten. Heute sind es Prompts.
Das ist praktisch. Und problematisch. Denn Unternehmen automatisieren nicht nur Arbeit. Sie automatisieren zunehmend den Einstieg in die Arbeit.
Erste Untersuchungen des Arbeitsmarkts zeigen, dass junge Beschäftigte in stark von künstlicher Intelligenz betroffenen Berufen stärker unter Druck geraten als erfahrenere Kolleginnen und Kollegen. Gleichzeitig erwarten Unternehmen von Einsteigerinnen und Einsteigern immer häufiger Fähigkeiten, die früher erst mit den Jahren entstanden: Urteilsvermögen, Führung, Kreativität, soziale Kompetenz. Der Junior soll bereits Senior sein.
Nur hat ihm niemand die Jahre dazwischen gegeben.
Erfahrung lässt sich nicht automatisieren
Das eigentliche Problem ist nicht, dass Maschinen Aufgaben übernehmen.
Das eigentliche Problem ist nicht, dass Maschinen Aufgaben übernehmen. Das Problem beginnt dort, wo wir glauben, mit den Aufgaben verschwinde auch der Lernweg. Erfahrung entsteht nicht durch Zugriff auf Wissen. Sie entsteht durch Anwendung, Reibung und Verantwortung.
Ich erinnere mich gut an diese ersten schlaflosen Nächte. Am Anfang war es ein Flyer mit einer Auflage von 5’000 Stück. Die Vorstellung, einen Fehler zu übersehen und 5’000 Exemplare in den Sand zu setzen, reichte, um nachts noch einmal jedes Wort, jede Zahl und jedes Logo im Kopf durchzugehen. Später war es eine Kampagne für 100’000 Franken. Dann ein Projekt für eine halbe Million. Irgendwann ein Marketingbudget von zehn Millionen.
Mit den Budgets wuchs nicht nur die Verantwortung. Es wuchs auch das Verständnis dafür, was Entscheidungen auslösen. Dass ein kleiner Fehler plötzlich viele Menschen, viel Geld und manchmal auch den Ruf einer Marke betrifft. Diese Erfahrung entsteht nicht durch eine perfekte Antwort.
Sie entsteht durch den Moment, in dem eine scheinbar gute Idee beim Kunden nicht funktioniert. Durch das Gespräch nach einer misslungenen Präsentation. Durch die Erkenntnis, dass eine formal richtige Lösung trotzdem die falsche sein kann.
Eine Maschine kennt unzählige Fehler. Aber sie hat keinen davon gemacht. Sie kennt keine schlaflosen Nächte vor dem Drucktermin. Sie musste nie erklären, warum etwas schiefgegangen ist. Sie musste nie eine Entscheidung vertreten, obwohl sie selbst nicht ganz sicher war. Und sie musste nie einen Menschen überzeugen, der eigentlich nicht überzeugt werden wollte.
Genau darin liegt der Unterschied zwischen Wissen und Erfahrung. Wissen kann künstliche Intelligenz in Sekunden bereitstellen. Erfahrung braucht Zeit. Verantwortung. Und Menschen.
„KI spart Zeit. Unsere Verantwortung ist, sie in Menschen zu investieren.“
Die Branche, die Veränderung verkaufte
Seit meinem Einstieg in die Werbung vor rund dreissig Jahren wurde unserer Branche regelmässig erklärt, dass es so nicht weitergehen könne.
Damals war das Geschäftsmodell noch angenehm übersichtlich. Auf vieles, was mit Media, Produktion und der Idee zusammenhing, liess sich eine Kommission rechnen. Die berühmten 17,65 Prozent gehörten zur Werbewelt wie der Aschenbecher zum Sitzungszimmer. Dann verschwand dieses Modell.
Der Computer kam. Das Internet kam. Google kam. Social Media kam. Die Plattformen kamen. Die Daten kamen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich anno dazumal stolz einen Apple II mit nach Hause nahm. Quasi als Laptop. Nur etwas schwerer und mit einer Rechenleistung, über die heute vermutlich selbst eine Kaffeemaschine lächeln würde.
Aber ich war neugierig. Ich wollte verstehen, was dieses Gerät konnte. Wie es funktionierte. Was sich damit anders, schneller oder vielleicht sogar besser machen liess. Niemand hatte mich darum gebeten. Es war kein Weiterbildungskurs und kein Innovationsprogramm.
Es war Interesse. Aus Interesse wurde Engagement. Aus Engagement wurde Lernen. Und aus Lernen irgendwann Erfahrung. Diese Neugier gab es in der Branche immer. Nur gelang es ihr erstaunlich selten, daraus eine echte Transformation zu machen. Bei jeder neuen Technologie hiess es: Jetzt muss sich die Werbung neu erfinden.
Sie erfand vor allem neue Begriffe.
Während Agenturen ihren Kunden zwanzig Jahre lang Transformation verkauften, blieben ihre eigenen Abläufe erstaunlich vertraut: Briefing hinein, viele Stunden dazwischen, Präsentation hinaus. Dann kam Corona. Plötzlich waren die Büros leer und die Arbeit lief trotzdem weiter. Kurz darauf lernten die Maschinen sprechen. Erst da wurde es ernst.
Denn solange Maschinen nur rechneten, waren sie Werkzeuge. Seit sie schreiben, gestalten, analysieren und argumentieren, sitzen sie mit am Tisch. Und sie schreiben keine Stunden auf.
Wenn der Einstieg verschwindet
Was in Agenturen passiert, geschieht längst auch anderswo.
In Beratungen erstellt künstliche Intelligenz erste Analysen. In Verwaltungen formuliert sie Entwürfe. In Anwaltskanzleien durchsucht sie Dokumente. In Redaktionen fasst sie Informationen zusammen. In Unternehmen baut sie Präsentationen, wertet Daten aus und beantwortet Kundenanfragen. Es betrifft genau jene Arbeiten, mit denen junge Menschen bisher begonnen haben. Nicht die grossen Entscheidungen. Die kleinen Aufgaben davor. Das Recherchieren. Das Ordnen. Das erste Protokoll. Der Entwurf. Die Variante, die wieder verworfen wird. Die Präsentation, die noch jemand kontrolliert. Diese Arbeiten waren nie besonders glamourös. Aber sie waren wichtig. Denn an ihnen lernte man, wie ein Beruf funktioniert.
Der Junior soll bereits Senior sein
Heute erwarten wir von Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern immer häufiger Fähigkeiten, die früher erst mit den Jahren entstanden. Urteilsvermögen. Selbstständigkeit. Kreativität. Verantwortungsbewusstsein. Menschenkenntnis. Der Junior soll bereits Senior sein. Nur hat ihm niemand die Jahre dazwischen gegeben. Wir verlangen Erfahrung und automatisieren gleichzeitig den Weg dorthin. Genau das ist der blinde Fleck der aktuellen KI-Debatte. Wir diskutieren darüber, welche Aufgaben verschwinden. Wir sprechen zu wenig darüber, wo Menschen künftig lernen sollen, Verantwortung zu übernehmen.
Wer bildet unsere Zukunft aus?
Beim BrightPlaces Suisse Innovation Circle «Zeitenwende» in Chur stellte Gernot Paesold die Frage, was künstliche Intelligenz für unsere Bildungspläne und unseren Bildungsansatz bedeutet. Die Frage ist richtig. Aber sie reicht nicht weit genug. Denn Bildung findet nicht nur in Schulen und Hochschulen statt. Sie findet auch in Unternehmen statt. In Verwaltungen. In Vereinen. In Projekten. In Sitzungszimmern. In Werkstätten. Im Gespräch nach einer misslungenen Präsentation. Wenn wir unsere Jugend dort nicht mehr ausbilden, wer bringt ihr dann bei, mit unserer Erfahrung umzugehen? Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass Maschinen das vorhaben. Sie können Wissen liefern. Aber sie übernehmen keine Verantwortung dafür, was aus diesem Wissen wird. Das bleibt unsere Aufgabe.
Wem gehört die gewonnene Zeit?
Künstliche Intelligenz verspricht uns mehr Effizienz. Sie spart Zeit. Die entscheidende Frage lautet: Wem gehört diese Zeit? Wenn wir jede eingesparte Stunde sofort mit mehr Output, mehr Meetings und mehr Aufgaben füllen, haben wir wenig gewonnen. Dann haben wir das Hamsterrad lediglich automatisiert. Die durch KI gewonnene Zeit sollte auch dafür eingesetzt werden, Menschen auszubilden. Um junge Mitarbeitende zu begleiten. Um Wissen weiterzugeben. Um Verantwortung früher zu übertragen. Um Fehler zu besprechen, statt sie nur technisch zu vermeiden. Das wäre echter Fortschritt. Nicht mehr Arbeit in weniger Zeit. Sondern mehr Können in mehr Menschen.
Erfahrung wird zur Infrastruktur
Gemeinden, Regionen und Unternehmen investieren heute in Glasfaser, Plattformen, Daten und künstliche Intelligenz. Das ist notwendig. Aber die wichtigste Infrastruktur der Zukunft besteht nicht nur aus Technologie. Sie besteht auch aus Erfahrung, die weitergegeben wird. Aus Menschen, die bereit sind, anderen etwas zuzutrauen. Aus Organisationen, die Lernzeit nicht als unproduktive Zeit betrachten. Aus Unternehmen, die ihre erfahrensten Mitarbeitenden nicht nur an ihrem Output messen, sondern auch daran, was nach ihnen bleibt. Ein Standort ist nicht zukunftsfähig, weil dort die schnellsten Maschinen stehen.
Er ist zukunftsfähig, wenn Menschen dort lernen können, mit diesen Maschinen sinnvoll umzugehen.
Die Zukunft muss ausgebildet werden
Meine Generation durfte bei der Arbeit lernen. Wir bekamen Aufgaben, für die heute ein Prompt genügt. Wir machten Fehler, die eine Maschine vielleicht vermieden hätte. Und wir trafen Menschen, die bereit waren, uns zu erklären, warum etwas nicht funktionierte. Daraus entsteht eine Verantwortung. Wir können jungen Menschen nicht sagen, sie müssten sich auf die Zukunft vorbereiten, während wir gleichzeitig jene Aufgaben und Orte abschaffen, an denen Vorbereitung stattfindet. Wir müssen ihnen unsere Erfahrung mitgeben. Nicht als nostalgische Erzählung darüber, wie schwierig früher alles war. Sondern als Werkzeug für eine Welt, die anders funktioniert.
Künstliche Intelligenz wird uns viel Arbeit abnehmen. Die Zukunft auszubilden leider nicht.